Hype um Netflix-Doku: Social ja, Dilemma nein!

By 9. Oktober 2020November 11th, 2020Blog, News, PR, Service

Seit dem 09. September 2020 ist die Netflix-Doku ‚Das Dilemma mit den sozialen Medien‘ online. Der Titel und die Vorschau lassen vermuten, dass hier eine Art Round-House-Kick für die sozialen Medien Kern der Doku sein wird. Klingt schon spannend, dachte ich mir. Schließlich arbeite ich in der digitalen PR-Branche. Da ist das Thema durchgehend präsent. Und überhaupt muss der Algorithmus schließlich wissen, was mir taugt. Ab damit auf die Watchlist!

Am nächsten Morgen läutet mein innerer Wecker. Um acht Uhr. Es ist Samstag. Während meine Kollegin Sandra um diese Uhrzeit wahrscheinlich schon ihr Kalbsgulasch auf dem Herd hat und munter Hyazinthen für den kommenden Frühling pflanzt, wandere ich erstmal von Bett zu Couch, Twitter, Insta, Facebook checken. Was man halt so macht. Und huch, schon haben wir’s neun Uhr. Draußen ist es nieslig, windig und kalt. Der perfekte Tag, mir die so gehypte Netflix-Doku ‚the social dilemma‘ zu Gemüte zu führen. Immerhin muss ich ja schließlich auch mitreden können. Berufsbedingt quasi. Nun denn: Hey ho, let‘s go … äh watch.

Die Gedanken danach

Nach Ende der Doku kann ich meine Gefühle nicht richtig deuten. Was genau war neu an dem Thema? Dass ich zu viel am Handy hänge und aus Langeweile durch irgendwelche Social Apps scrolle, war mir vorher schon bewusst. Und wenn meine Freundin Simone mir voller Euphorie von dieser fancy Uhr aus reißfestem Papier erzählt, bin ich nicht überrascht, am nächsten Tag genau diese Uhr mit einem gesponserten Post in meinem Instagram-Feed zu entdecken. Hört, hört, die sozialen Medien spionieren euch aus, dein Smartphone hört mit! … Ach was?!

Von sozialen Aussteigern

Also nochmal: Wieso spüre ich trotz meiner Unblauäugigkeit gegenüber sämtlichen Social Apps ein flaues Gefühl in der Magengegend, nachdem ich mit der Dilemma-Doku durch bin? Der Grund meiner Beklommenheit rührt nicht daher, WAS mir erzählt wurde, sondern WIE es mir erzählt wurde und vor allem von WEM.

Da sitzen keine geringeren als ehemals hochrangige Investoren, Präsidenten und Entwickler, die bei Google, Twitter, Instagram und Co. ausgestiegen sind. Ausgestiegen. Überspitzt formuliert klingt das fast so, als seien sie einer Sekte entkommen. Einer Sekte, in der sie jahrelang federführend bedeutende Entwicklungen und Veränderungen herbeiführten, die heute die gesamte Menschheit beeinflussen. Von der Erfindung des Like-Buttons über die Tagging-Funktion von Freunden auf geposteten Bildern bis hin zu ausgeklügelten Advertising-Modellen.

Seltsam stolz und zugleich tief bestürzt erzählen mir diese Aussteiger, dass sie mit ihren Erfindungen ein Monster geschaffen haben. Ein Monster mit dem Ziel, mich, die Userin, mit simplen Funktionen möglichst lange in meinem Feed scrollen oder von einem zum nächsten lustigen Erdmännchen-Video klicken zu lassen. Am besten wär’s, würde ich gleich ganz in meiner Filterblase verschwinden. Ein Zitat von Edward Tufte, einem US-amerikanischen Informationswissenschaftler und Grafikdesigner, bringt das Ganze auf den Punkt: „There are only two industries that call their customers ‚users‘: illegal drugs and software.” Social Media, eine Droge. Keine Frage, sondern eine Feststellung. Denn als Droge bzw. Sucht hatte ich meine Scrollerei tatsächlich noch nie gesehen. Ein komisches Gefühl.

Die andere Seite des Bildschirms

Auf der einen Seite sind also wir, die User, die Süchtigen mit unserem Smartphone. Aber was passiert auf der anderen Seite? Parallel zu den Aussteiger-Interviews sehen wir eine fiktive Story, an dessen Hauptdarsteller uns vorgeführt wird, wie sämtliche sozialen Medien um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Präsentiert wird eine Art Kontrollcenter mit personifizierten Algorithmen, deren einziges Ziel es ist, ein möglichst präzises Handlungsmodell jedes Individuums zu konstruieren, das auf Social Media aktiv ist.

Was bei Pixars „Alles steht Kopf“ noch seinen unschuldigen Charme hatte, nämlich dass kleine Figürchen in unserem Kopf über unser Handeln entscheiden, wird hier zur erschreckend realistisch anmutenden Idee. Nicht Emotionen sitzen dabei am Schalthebel unserer kopfeigenen Zentrale, sondern Insta, TikTok, Twitter & Co. Mit gesponserten Posts und Video-Empfehlungen loten die Algorithmen individuelle Vorlieben aus und versuchen gleichzeitig, unsere Bildschirmzeit möglichst weit in die Höhe zu treiben. Mit einer Sammlung aller digitalen Spuren, die wir so im Netz hinterlassen, aller Likes, Klicks und Kommentare, entsteht ein immer präziseres Abbild von uns. Allein die Vorstellung, dass soziale Medien mein ganzes Handeln fremdbestimmen und ich immer weniger Herr meiner Entscheidungen bin – dass ein Algorithmus weiß, dass ich jetzt ein lustiges Erdmännchenvideo schauen möchte, meine Bedürfnisse und wahrscheinlichen Handlungen vorhersagen kann, ist mehr als gruselig. Es ist beklemmend.

Weniger ist mehr

Die Lösung allen Übels? Wenn es nach Jaron Lanier geht, US-amerikanischer Autor und Unternehmer, sollten wir alle unsere Social Media Accounts löschen. Und zwar sofort und auf der Stelle. Dazu hat der Informatiker und Künstler sogar ein Buch geschrieben mit dem Titel „Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now“. Nun ja, es ist zumindest eine Möglichkeit, dieser ganzen Social Media-Welt von jetzt auf gleich zu entkommen.

Mir persönlich ist dieser Ansatz zu radikal. Nehmen wir einmal an, ich habe in meiner Wohnung einen überdurchschnittlich hohen Stromverbrauch. Schalte ich dann auch von einem Tag auf den anderen den kompletten Strom ab? Nein. Rühre ich nie wieder ein Stück Torte an, weil es viel zu viele Kalorien hat? Klares Nein. Was ich damit sagen will: Von Zeit zu Zeit ein Stück Torte schadet meinem Körper sicher nicht. Schnabuliere ich mir aber jeden Tag dieses kleine Kalorienbömbchen rein, schadet das meinem Körper sehr wohl.

Einfach mal ’ne App runter schalten

Was hat meine Vorliebe für Torten nun mit Social Media zu tun? Ganz einfach: Es ist alles eine Frage der Dosis und der Selbstbeherrschung. Dazu ein paar Vorschläge: Wie wär’s, wenn wir morgens erst einmal frühstücken, bevor wir uns durch Twitter schlängeln? Wie wär’s, wenn wir einfach mal nur essen? Und zwar, ohne es vorher mit der ganzen Welt zu teilen? Muss unser Algorithmus ja nicht gleich wissen, dass wir uns eine healthy Aubergine mit Granatapfelsplittern auf Blattspinat und Pinienkernen gezaubert haben. Wie wär’s, wenn wir einfach mal einen Film schauen? Ohne währenddessen durch diverse Insta-Stories zu stöbern oder der ganzen Welt mitzuteilen, dass wir gerade diesen Film schauen.

Verrückte Ideen, ich weiß. Und im Grunde sind auch diese Ideen nicht neu.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Für uns digitale PRler und Marketer gehört Social Media – allein schon des Berufes wegen – einfach dazu und der Konsum von Sozialen Medien ist völlig okay, solange wir mit der nötigen (Selbst-)Reflexion an die Sache herangehen. Denn: Die Kunst besteht darin, diese Medien bewusst zu konsumieren und in Maßen. Und vielleicht auch mit einer Portion Selbstironie. Und mit ein wenig Glauben und Hoffnung in die Menschheit, verfolgen wir möglicherweise bald lieber offline das putzige Eichhörnchen in Nachbars Garten, als online digitale Spuren unzähliger Erdmännchenvideos zu hinterlassen.

Author Stefanie Maurer

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